Freitag, 12. Juli 2013

Album-Vorstellung: David Lynch "The Big Dream"

David Lynch
Er ist ein modernes Wunderkind. Ein Wunderkind, das die unterschiedlichsten kreativen Schaffensformen unbeeindruckt in sich vereint und sie darüber hinaus auf eine Weise zu kanalisieren weiß, die unseren vollsten Respekt verdient. Denn in der rauen Medienindustrie als kreativer Kopf langfristig und dazu noch mit einer unerschütterlichen Beständigkeit überleben zu können, ist definitiv mehr als Ausnahme denn Selbstverständlichkeit zu verstehen. Erst recht, wenn man stets klare Vorstellungen von dem eigenen Output hat und diesen bei der Verwirklichung auch ohne Rücksicht auf Verluste folgt. David Keith Lynch ist Künstler, Regisseur, Produzent, Drehbuchautor, Schauspieler, Maler, Fotograf und Musiker. Kurzum ein Multitalent. Vor zwei Jahren präsentierte der 1946 in Missoula, Montana geborene Lynch sein erstes Solo-Album, das den Namen "Crazy Clown Time" trägt und bewies damit einmal mehr, dass an seinem Können, egal in welche Richtung dessen Auswüchse auch greifen mögen, nicht zu rütteln ist. Als düsteres Skizzenbuch akustischer Parallelwelten ging "Crazy Clown Time" in die Geschichte der Musik ein. Mit dem Nachfolger "The Big Dream" schlägt Lynch nun ein neues Kapitel auf.


The Big Dream
Lynch ist und bleibt ein kaum fassbares, überirdisches Phänomen. Da verwundert es nicht, dass auch die 13 neuen Songs, die "The Big Dream" beherbergt, von einer derartig skurrilen Intensität sind, dass man sich ihnen nur sehr langsam zu nähern vermag. Es ist ein wenig, als wate man durch ein Moor aus massivem Schlamm und drohe dabei mit jedem weiteren Schritt auf ewig in diesem zu versinken. Die intellektuelle Tiefe, welche Tracks wie den titelgebenden Opener "The Big Dream" oder das famos flimmernde "The Line It Curves" beherrscht, wirkt dabei geradezu übermächtig. David Lynch mutet dem Hörer einiges zu, indem er ihm Stücke wie "Last Call", "We Rolled Together" oder "Wishin' Well" entgegenschmettert. Verzerrte, gar leicht psychotisch angehauchte Lyrics spinnen ein Netz aus klebrigen Fäden, in denen sich ein jeder Verstand schnell verfängt. Schon stürmt eine aufgedunsene Spinne aus ihrem Versteck hervor, willens sich das süße, unschuldige Gedankengut ihres Opfers einzuverleiben. Ein Vanitas-Motiv aus Melodie und Klang, das ist "The Big Dream". Und doch ist da auch Licht am Horizont. Vor allem "Are You Sure" und das in Kooperation mit Lykke Li eingespielte "I'm Waiting Here", die beiden letzten Songs des Albums, zeugen von einem wärmenden Licht und schönster Melancholie. Sie sind die Schmetterlinge, die uns in der letzten Sekunde aus den Fängen des achtbeinigen Ungetüms entreißen und mit uns in Richtung Mondlicht fliegen. Mit jedem Flügelschlag verlieren sich die zuvor erlebten, finsteren Ereignisse mehr und mehr in der Unendlichkeit des Verdrängens und werden durch Optimismus und Zufriedenheit ersetzt.



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