"E1NEN HAB ICH NOCH..." ist ein virtuelles Sammelsurium für Musik. Der gleichnamige Blog bündelt und filtert Neuigkeiten aus den unendlichen Weiten der verschiedensten Genres. Dabei gilt stets die Devise: Den Song oder diese Platte sollte man noch gehört haben!
"Ich bin es leid, immer sexy zu sein", sagte Beyoncé Knowles einst in einem Interview. Dies ist nun viele Jahre her, doch das viele Poposchütteln und lasziv ins Mikro hauchen hat an der Tatsache nicht wirklich etwas ändern können, dass das R'n'B-Sternchen für viele Menschen weiterhin als Inbegriff der Sexyness fungiert. Komisch. Inspiriert von dem nicht ganz ernst zu nehmendem Statement der Popdiva übersetzte ein brasilianisches Kollektiv jene Aussage kurzerhand ins Portugiesische und nannte sich von diesem Moment an Cansei de Ser Sexy. CSS etablierte sich kurz darauf als knackige Abkürzung für die Band und machte sie auch über die Grenzen ihrer Heimatstadt São Paulo bekannt. Als bunter Haufen aus Bloggern, Hipstern und Trendsettern, die alle zu Gründungszeiten, mit Ausnahme des späteren Bassisten Adriano, keinerlei Instrumente beherrschen, greifen die Freunde beherzt zu Synthies und Drumbeats und mischen die Clubszene des südamerikanischen Kontinents gehörig auf. Sie stehen dabei für eine neue Generation an Musikern. Frisch, ungebunden und den Traditionen entwachsen. So finden Samba, Bossa Nova, Jazz- oder Reggaeelemente kaum Einzug in die kantigen Klangmuster des ehemaligen Sixtetts. Vielmehr sind es Rock, Funk und Electro, die die Sounds von CSS charakterisieren. Heute sind CSS nur noch zu viert, was ihren Erfolg jedoch keineswegs schmälert. Sängerin Lovefoxxx beispielsweise hat es auf den bejubelten Soundtrack zum Film "Drive" geschafft und auch mit seinen eigenen Kompositionen ist das Quartett, das mittlerweile nur noch aus Frauen besteht und in Los Angelos ansässig ist, kaum noch wegzudenken aus der Independentszene. Doch klingen die Damen jetzt nicht mehr ganz so revolutionär wie zu ihren Anfängen, als sie mit "Let's Make Love And Listen To The Death From Above" den Asphalt der Straßen in Schwingungen versetzt haben. Wir feiern das selbstbetitelte 2005er Debüt "Cansei de Ser Sexy", indem wir jenen Hit zum Klassiker der Woche küren.
Irgendwie war Kelis schon immer anders als die anderen R'n'B-Künstlerinnen. Sie wollte von jeher nicht in das Bild der Goldketten tragenden, farbigen Powerlady passen, das von Damen wie Rihanna, Ciara, Brandy oder Amerie gern ausgiebig zelebriert wird. Zu bodenständig und irgendwie auch zu kantig wirkte die 1979 in Harlem geborene Sängerin stets. Als Protestlerin machte sie 1999 ihrem Ärger Luft und schrie sich mit "Caught Out There", von ihrem Debüt "Kaleidoscope", die Seele aus dem Hals. In den darauffolgenden Jahren arbeitet Miss Rogers, wie Kelis mit bürgerlichem Namen heißt, mit sämtlichen Größen der Branche zusammen. Darunter The Neptunes, André 3000, ihr Exmann Nas, Cee-Lo Green, will.i.am oder David Guetta. Jeder will die Frau kennenlernen, die es schafft, die Arme soweit auszustrecken, dass sie sich genüsslich innerhalb der kompletten musikalischen Vielfalt bedienen kann, ohne dabei jedoch ihren ganz eigenen Stil zu verlieren. So tanzt sie durch Electro, Hip-Hop, Pop, Jazz oder Reggae und wirkt in jeder einzelnen Bewegung authentisch. Nun wagt sich Kelis erstmals gen Indierock, zusammen mit TV on the Radios Dave Sitek. "Food" lautet der Name des sechsten Studioalbums der Queen of Soul.
"Food"
Reichlich ist der Tisch gedeckt, und zwar an jedem einzelnen Produktionstag von "Food". Dave Sitek wohnt in Los Angelos nur ein paar Gehminuten von Kelis entfernt und was ist schöner, als sich neben dem Songwriting auch um das gemeinsame Leibeswohl zu kümmern? Während allerhand Gerichte und Songs, die wie welche klingen ("Friday Fish Fry", "Jerk Ribs", "Breakfast", "Cobbler", "Buiscuits 'N' Gravy"), zubereitet oder entwickelt werden - Kelis hat nach der Veröffentlichung ihrer letzten Platte einen Kochkurs belegt - steht die Tür des Hauses immer sperrangelweit offen. Dies hat zur Folge, dass Künstler jeglicher Couleur dort ein- und ausgehen. Für ein Stück Hünchen- oder Schweinefleisch, das mit Soßen aus der Hand von Kelis gewürzt ist, hinterlässt manch ein Gast darüber hinaus auch dankbar ein paar seiner Ideen. Am Ende webt sich somit der Geist einer lebensfrohen Gemeinschaft in die 13 Stücke der Scheibe ein. Die kreative Vielfalt kennt keine Grenzen, wodurch "Food" final nach einer bunten Geschmacksexplosion aus Funk und Alternative klingt. Auch die brasilianische Rockgirlkombo CSS unterstützt Kelis beispielsweise auf ihrem Weg in Richtung eines neuen akustischen Horizonts. In perfekter Harmonie reihen sich Perlen feinfühligen Genusses ("Bless The Telephone") an orientalische Träume aus Tausendundeiner Nacht ("Change"). "Rumble" hingegen erinnert lässig an längst vergangene Tage. Generell kommen einem viele Melodien bekannt vor, jedoch ohne den Anschein einer einfallslosen Kopie zu hinterlassen. Es sind oft simple Lines, wie das herrliche Klavierspiel bei "Biscuits 'N' Gravy", die die Nummern auf "Food" zu echten Ohrwürmern mutieren lassen. Zudem konservieren Kelis und Sitek behutsam die Schnittmenge ihrer gemeinsamen Soundpräferenzen, welche sich im Laufe ihrer Leben herausgebildet haben. Gewürzt mit Texten, die von zwischenmenschlichen Beziehungen und deren Auswirkungen. Wenn "Dreamer", als großartig verträumte Ballade, das Album beschließt, dann bleibt ein wohlig angenehmes Gefühl zurück. Einmal mehr wird klar, dass Kelis absolut in der Lage ist, eine Überraschung parat zu haben.