Freitag, 30. August 2013

Album-Vorstellung: Neko Case - The Worse Things Get, The Harder I Fight, The Harder I Fight, The More I Love You

Neko Case
Man kann Neko Case wohl ohne Zweifel als die Grande Dame des Alternative Country bezeichnen. Als jene Revoluzzerin, die sich vom aalglatten amerikanischen Stil des Genres abgewendet hat, um sich stattdessen härteren und ungestümeren Kompositionen zu widmen. Mit diesen fegt sie seither wie ein Tornado über ein akustisches Notenfeld und biegt dabei, ohne Rücksicht auf Verluste, jeden Grashalm um, der sich ihr in den Weg stellt. Doch gesteht sie dem Hörer eben gleichzeitig auch die notwendigen Ruhephasen zu, innerhalb derer nur ein sanfter Klangwind durch dessen Gehörgänge zu tänzeln vermag. Die 1970 in Virginia geborene Sängerin beherrscht das Spiel mit Crescendo und Diminuendo wie kaum eine andere Musikerin. So wirkt sie manchmal gar wie eine Puppenspielerin, die durch teils zartes und dann auch wieder groberes, ruppigeres Ziehen an den Fäden ihrer Marionetten, ein eindrucksvolles Schauspiel kreiert, das den Zuschauer von der ersten Sekunde an mitreißt. "The Worse Things Get, The Harder I Fight, The Harder I Fight, The More I Love You" heißt nun das neuste Album von Neko Case und dieses steckt voller wunderbarer Überraschungen.

Frau Case hat von jeher einen wirklich unbändigen Sinn für Humor. Da ist es auch nicht verwunderlich, dass der Titel ihres neusten Werkes sich über das gesamte Albumcover erstreckt und in zukünftigen Interviewsituationen, einem jeden Journalisten die Schweißperlen auf die Stirn treiben dürfte. Nur steckt eben so viel Wahres in jenen Worten, das man auf kein einziges davon hätte verzichten können. Singt Neko Case über die Liebe oder erzählt während einer ihrer faszinierenden Liveshows davon, gewinnt man recht schnell den Eindruck, dass die 42-Jährige die vielen Facetten dieses schönsten und manchmal eben auch schrecklichsten aller Gefühle auf ihrem bisherigen Lebensweg nur allzu gut kennengelernt haben dürfte. Da wird schonungslos mit Exlovern abgerechnet, sich jener Momente erinnert, die einen ewigen Platz im Herzen haben und auch mal optimistisch in der süßen Melancholie gegenseitiger Zuneigung gebadet. "The Worse Things Get, The Harder I Fight, The Harder I Fight, The More I Love You" versammelt 12 unglaublich durchdringende Tracks auf sich. Einer dabei interessanter als der nächste. Wer gedacht hat, dass Neko Case nach all ihren Veröffentlichungen, ob solo oder als Teil eines ihrer vielen Bandprojekte, mit dem Einfallsreichtum langsam am Ende sein dürfte, der wird jetzt radikal eines Besseren belehrt. Schwingt der Opener "Wild Creatures" noch im Rhythmus vergangener Tage, wird spätestens bei "Man" klar, dass Neko Case es definitiv nicht müde wird, Experimente zu wagen. Rockiger als alle Songs von The New Pornographers, der Formation dessen weiblichen Gesangspart Neko Case bildet, zusammengenommen, beansprucht der Track seine Daseinsberechtigung. "I'm From Nowhere" oder das unheimlich ergreifende "Nearly Midnight, Honolulu" sorgen mit ihrer A-capella-Akustik hingegen für reglerechte Gänsehautschauer. Zudem gibt es auf der Platte immer wieder außergewöhnliche Instrumentierungen wie beispielsweise bei "City Swans" oder "Where Did I Leave That Fire", die den Spannungsbogen kontinuierlich in Bewegung halten und somit für ein fantastisches Hörvergnügen sorgen. 
Auch wenn das feuerrote Haar im Laufe der Jahre an Farbe verloren haben mag und sich langsam aber sicher zahlreiche graue Strähnen durch die einst strahlende Mähne ziehen, so klingt Neko Cases Musik frisch und blühend wie am ersten Tag. Vielleicht verbunden mit jener Ernsthaftigkeit, die das Alter eben mit sich bringt, doch liegt diese eher in den hervorragenden Texten verborgen und wirkt sich keinesfalls auf die innovativen Arrangements aus. Von der charakterstarken Stimme der Sängerin ganz zu schweigen.
Es bleibt jetzt wohl nichts weiter zu tun, als sich "The Worse Things Get, The Harder I Fight, The Harder I Fight, The More I Love You" nach Hause zu holen und es auf Dauerschleife durch die heimische Anlage zu jagen.



Mittwoch, 28. August 2013

Gewinnspiel: Lou Doillon "Places"

Lou Doillon
„Ich hatte jeden Grund in der Welt, nicht mit der Musik anzufangen.“ 

Es ist wohl Fluch und Segen zugleich, wenn man in einer Familie aufwächst, innerhalb derer kreatives Potenzial nicht nur vorhanden ist, sondern eine nahezu übermächtige Rolle im gemeinsamen Lebensalltag einnimmt. Lou Doillon ist die Tochter des französischen Regisseurs Jaques Doillon und der britischen Schauspielerin und Sängerin Jane Birkin. Mit sechs Jahren stand sie erstmals an der Seite ihrer Mutter im Film „Die Zeit mit Julien“ (Regie: Agnès Varda) vor der Kamera. In den darauffolgenden besetzte ihr Vater sie in zahlreichen seiner Werke und auch Serge Gainsbourg, langjähriger Geliebter ihrer Mutter Jane, erkannte das Talent des charmanten Mädchens und brachte sie in seinem „Je T’Aime Moi Non Plus“ (1994) unter. Neben ihren prominenten Eltern und Wegbegleitern zählt Lou Doillon zu ihren Halbgeschwister unter anderem auch die begabte Charlotte Gainsbourg und Fotografin Kate Barry. Der Dunstkreis von Lou war und ist also von jeher voll von singenden, schauspielenden oder sich anderweitig künstlerisch betätigenden Menschen, so dass sich irgendwann zwei Möglichkeiten für ihre Zukunft deutlich abzeichneten. Entweder weiter mit dem Strom zu schwimmen, in dem sie schon mehr als gefangen zu sein schien oder gehörig gegen die eigenen Wurzeln zu rebellieren. Lou Doillon entschied sich schlussendlich für erstere Alternative, jedoch nicht ohne dabei schneller schwimmen zu wollen als all die anderen Fische zu ihrer Seite. Manchmal gehört vielleicht mehr Mut zur Akzeptanz als sich dieser permanent entgegen zu stellen. Heute arbeitet die 30-Jährige als Model, Schauspielerin und hat jüngst auch ein Album veröffentlicht. Dieses trägt den Titel „Places“ und wurde von Frankreichs musikalischem Mastermind Étienne Daho produziert.  

"Places"
Kompositionen der Extraklasse erwarten den Hörer auf dem Debüt Lou Doillons. Daho schliff dabei mit einer unglaublichen Präzision an dem Rohdiamanten Lou und erschuf somit schließlich einen strahlenden, facettenreichen Brillanten. Bereits der Opener „ICU“ , welcher sich auch ohne große Bemühungen auf einer Platte von Cat Power befinden könnte, zeigt die einzigartige Fusion von Lous rauer, markanter Stimme und den dezent gehaltenen Instrumentierungen, die der Französin Raum und Luft zur Entfaltung lassen. Songs wie „Devil Or Angel“ oder „One Day After Another“ schließen an diese schlichte Schönheit an, nehmen dabei jedoch an Fahrt auf und tänzeln beschwingt durch den Verstand. „Defiant“ hingegen erinnert stark an die Chansons vergangener Tage und versprüht gleichzeitig einen Hauch von Pop Noir. Beeindruckend ist auch die in sich sehr stimmige Erzählkunst Doillons. Die Lyrics wirken dabei mal gedankenversunken („Jealousy“, „Questions And Answers“) und melancholisch („Same Old Game“), besitzen aber auch eine unheimliche Kraft, wie der Sprechgesang bei „Places“, dem Stück, das dem Album auch seinen Titel einbrachte, zeigt. Nahezu markerschütternd kraucht der Song  entlang der Nervenbahnen und entfacht dabei Impulse wie Feuerwerke. Lou Doillon hat mir ihrem akustischen Erstlingswerk bewiesen, dass auch sie sich in musikalischer Hinsicht keineswegs vor dem Rest ihrer Familie verstecken muss. „Places“ ist Lou Doillons Zufluchtsort, ihrer ganz eigene klangliche Nische. Und auch wenn man hier und da Tendenzen zur Verwandtschaft wahrzunehmen vermag, so steht die hübsche Sängerin doch freihändig und braucht keinerlei Stützen, um für das akzeptiert zu werden, was sie ausmacht. Nämlich eine unglaubliche Feingeistigkeit auf vielen verschiedenen Ebenen.  Wer nun einmal zu jenen Orten wandern möchte, an denen sich Lou Doillons Melodien in Raum und Zeit verlieren, der sollte die Chance nutzen und an unserem aktuellen Gewinnspiel teilnehmen. 

Wir verlosen ein CD-Exemplar von „Places“, das uns Universal Music zur Verfügung gestellt hat. Um in die passende Lostrommel zu gelangen, sollt ihr uns bis spätestens kommenden Freitag, den 30.08.2013, verraten, was Kreativität für euch bedeutet. Sicherlich keine einfache Frage, doch lohnt es sich, einmal darüber nachzudenken. Mitteilen könnt ihr euch über einen der beiden folgendenWege.

Möglichkeit 1: "Einen hab ich noch..."-Facebook-Seite  liken (falls noch nicht geschehen) und das dort befindliche Gewinnspiel-Foto vom 28.08.2013 mit eurer Antwort kommentieren.

Möglichkeit 2: Eine Mail mit dem Betreff "Lou Doillon" und eurer Antwort an blogfrog87@googlemail.com.

Viel Spaß!

Weitere Infos zu Lou Doillon gibt es unter:
Offizielle Website | Facebookseite
 

Sonntag, 25. August 2013

Klassiker der Woche Nr. 67

Le Tigre
Seit ihrer Gründung im Jahre 1998 sind Le Tigre ein wahrhaftiges Sinnbild für Feminismus, sexuelle Freiheit und das Aufweichen der Geschlechtergrenzen auf musikalischer Ebene. Bunt, flippig und laut. Kathleen Hanna, Johanna Fateman und JD Samson fallen nicht nur durch ihr Aussehen auf. Die drei Frauen haben ihre Songs bis zum Anschlag vollgepackt mit massenhaft explosivem Zündstoff. Während die Hörer noch vorsichtig über das Mienenfeld wanken, welches die Electropunk-Truppe hinterlassen hat, detonieren bereits die ersten akustischen Bomben im Hintergrund. Dabei bohrt sich das politische Gedankengut der Riot Grrrls in den Verstand ihrer Opfer, als handele es sich um einen Haufen scharfkantiger Splitter. Doch fallen die vermeintlich Geschädigten nicht zu Boden, sondern beginnen unverzüglich, hemmungslos zu tanzen. Nicht vorstellbar? Dann gilt es nun mit dem heutigen Klassiker der Woche, den Selbstversuch zu wagen. "Deceptacon", der Eröffnungstrack des selbst betitelten Debüts "Le Tigre" (1999) macht kurzen Prozess mit ruhenden Gliedmaßen und versetzt sie derart in Wallungen, dass sich nach nur wenigen Sekunden eine verhängnisvolle Kurzatmigkeit einzustellen droht.