"E1NEN HAB ICH NOCH..." ist ein virtuelles Sammelsurium für Musik. Der gleichnamige Blog bündelt und filtert Neuigkeiten aus den unendlichen Weiten der verschiedensten Genres. Dabei gilt stets die Devise: Den Song oder diese Platte sollte man noch gehört haben!
Fluch und Segen. Als Musikredakteur darfst du einige Privilegien genießen, die das Leben sehr angenehm machen können. So bekommst du beispielsweise regelmäßig und oft noch vor allen anderen, jene Erzeugnisse zum Begutachten vorgelegt, die zahlreiche Künstler kurz darauf in die große weite Welt entlassen wollen. Doch liegt eben auch genau darin manchmal das Problem unserer Arbeit. Wenn es überall "Hier! Hier!" schreit, dir jeder "The Next Best Thing" nahelegen will, dein Mailpostfach vor Newslettern aus allen Nähten zu platzen scheint und du die Flut an Hörproben, die dich erreicht, gar nicht mehr bewältigen kannst, dann wünschst du dir nur allzu oft einen Buzzer, den du drücken kannst, damit die Zeit kurzfristig gefriert. Stop. Ruhe. Aus. Vor einigen Wochen erreichte uns eine Nachricht, die von der geplanten Veröffentlichung einer dänischen Herrenkapelle kündete, die den eigenwilligen Namen 4 Guys From The Future trägt. Wie üblich sollte ein kurzer Klick auf das angehängte Video Aufschluss darüber geben, ob es sich lohnen würde, sich näher mit jener Empfehlung zu beschäftigen. Fünf bis sechs Sekunden können dabei über Erfolg oder Niederlage entscheiden. Und dann geschah es. Ganz plötzlich, unverhofft. Es funkte. Es funkte derartig, dass jegliche Synapsen fast durchzubrennen drohten. Sofort begannen die Endorphine sprudelnd und ungebremst du den Körper zu rasen auf dem Gesicht zog sich ein Lächeln derartig breit, dass es schon fast schmerzte. Dieser Track war unglaublich!
"Adagio"
"Nothing To Say" heißt jenes Stück, dass bei "Einen hab ich noch..." einschlug wie eine Bombe. Seitdem irren wir durch den von der Detonation hinterlassenen Krater, springen zwischen Bergen aus Schutt umher und erfreuen uns, die Hände in die Luft reißend, an der Großartigkeit einer extrem gelungenen Platte. "Adagio" ist das zweite Album der 4 Guys From The Future. Ein zukunftsweisendes und doch auch sehr reflektiertes, zurückblickendes Werk. Bjarke Porsmose, Mads Brinch Nielsen, Rasmus Valldorf und Tobias Mynborg bewegen sich dabei auf einem musikalischen Kontinuum, das vom Mastermind Damon Albarn und den famosen Grizzly Bear über die Belgier Balthazar bis hin zu den Beatles reicht. Mit einer ganz eigenen, kargen und doch durch viele Synthietupfer erhellten Soundästhetik werden Tracks wie der Opener "You Don't Know What Your Doing" zu bemerkenswerten Zeugnissen eines sehr ausgeprägten Ideenreichtums. 4 Guys From The Future haben die Segel gesetzt, um über ein stürmisches Meer aus elektronischen Klängen zu schiffen. Dass sie dabei gern den Kurs wechseln, zeigt die Bandbreite, die "Adagio" zu bieten hat. Mal atmet die Platte schwer und tief auf ("B.T.G.T.K No Poem"), dann malt sie genüsslich bunte Teenage-Retro-Mandalas ("Skin On Fire"), bis schließlich bei "Corruption" das melodiöse Erbe des Progressive Rocks entfesselt wird, welches sich schreiend und fauchend seinen Weg bahnt. "No Morning Comes" lädt zu einem verführerischen Tango ein, den man, aufgrund seines morbiden Charmes, allerdings am besten auf einem Friedhof tanzt, wohingegen "Beauty Hides In Everyone" als morgendlicher Sonnenaufgang erstrahlt, zu dem die Vögel zwitschern. Wenn "Signposts" dann melancholisch flüsternd aus der Dunkelheit erschallt, wird dem Hörer jedoch schmerzlich bewusst, dass das Ende von "Adagio" bevorsteht. In der Tat lässt "End Of The Future" kurz darauf die Platte verklingen. Der neunte und finale Track plätschert unheilvoll vor sich hin und erfährt erst in seinen letzten Sekunden die tonale Erlösung. Obwohl der Begriff adagio eigentlich für ein recht langsames, ruhiges Tempo innerhalb der Musik steht, gelingt es den 4 Guys From The Future auf dem gleichnamigen Album mit Leichtigkeit für Spannungen und hektisch flimmernde Momente zu sorgen.
Wie glücklich darf man im Nachhinein sein, sich diese Platte genauer zu Gemüte geführt zu haben? "Adagio" zählt definitiv zu den musikalischen Highlights des Jahres. Und wer sich davon gern einmal selbst überzeugen will, dem bieten wir, mit freundlicher Unterstützung von Nordic By Nature, nun eine einzigartige Chance. Gewinnt mit etwas Glück ein Vinyl-Exemplar des neuen Albums von 4 Guys From The Future. Und zwar müsst ihr uns dafür nur kurz verraten, was ihr über die Hörprobe "Nothing To Say" denkt. Bis kommenden Freitag, den 01.11.2013, lassen wir euch Zeit dazu. Mitmachen könnt ihr über die bekannten Wege.
2009 kommen ein paar Teenager aus dem Londoner Stadtteil Putney daher und meinen, dass ihr Debütalbum "xx" gut genug sei, um es mit den Werken gestandener und erfolgsverwöhnter Indiegrößen aufnehmen zu können. Schwarz gekleidet und mit zahlreichen Kettchen behangen, wirken Romy Madley Croft, Oliver Sim und Jamie Smith jedoch keineswegs wie angehende Rockstars. Sie verkörpern vielmehr das Bild jener depressiven Jugend, die nach dem öden Schulalltag, ihre Zeit am liebsten auf den Straßen der Großstädte verbringt. Treibend und ohne dabei auch nur die geringste Anstrengung in eine Perspektivsuche für die eigene Zukunft zu investieren. Doch wie kann man sich täuschen. The xx, so der Name des Trios, haben ein extrem effektives As im Ärmel, nämlich ihr Talent. In einer Zeit, in der überall die Regler hochgefahren werden und die Effekthascherei zum täglichen Brot innerhalb der Branche gerät, nutzen die drei Heranwachsenden ihre sichtliche Gelassenheit, um auch auf klanglicher Ebene die unnötige Hektik zu unterwandern. Einzig und allein mit E-Gitarren, Drummachine und zwei unheimlich charismatischen Stimmen bewaffnet, setzen The xx zum Siegeszug an. Langsam wird das neue Schnell, Reduziert das neue Üppig. Und das alles nur, weil The xx den Nerv einer Generation von Konsumenten getroffen haben, welche dringend nach einer Pause von all der Hast und Getriebenheit um sich herum verlangt. Entschleunigung. Plötzlich laufen in den überfüllten Clubs Europas jene Tracks, die man zuvor noch mit dem Stempel "untanzbar" versehen hätte. Ein neuer Begriff von Ästhetik schleicht sich in das musikalische Verständnis vieler Menschen ein und gibt neuen, festen Halt in der ständig dem Abgrund nahen Realität. Dies gilt auch für "Islands", unseren heutigen Klassiker der Woche. Mit seiner zurückgenommenen Grazie wird der Track zu einem Lovesong, wie ihn die Welt zuvor noch nicht erlebt hat.
Darauf haben viele Menschen lange gewartet. Nachdem Arcade Fires"The Suburbs" 2010 zum absoluten Publikumsmagneten avancierte und der Band neben unbändiger Aufmerksamkeit auch zahlreiche Preise einbrachte, meldet sich das achtköpfige Gespann aus Kanada nun mit dem nächsten Geniestreich zurück. Und das ist nicht einfach nur eine weitere Platte, nein, es ist ein vollgepacktes Doppelalbum, das sich anschickt, Disco, Rock und Folklore in einem Wirrwarr aus moderner Popmusik zu vereinen. Wie erfahrene Geheimniskrämer schafften es Arcade Fire dabei bis zum letzten Tag vor der Veröffentlichung ihres "Reflektor", wie die neue Scheibe heißt, kaum Informationen aus ihrer Mitte an die Öffentlichkeit dringen zu lassen. Gut geschützt versteckte sich die Truppe um Win Butler und seine Frau Régine Chassagne unter einem Mantel des Schweigens, der jedoch zunehmend von Gerüchten und Spekulationen belagert und beschichtet wurde. Am Freitag, den 25.10.2013, warfen Arcade Fire das schützende Gewand nun schließlich von sich, sodass der Pulk an Neugierigen endlich wieder einen Blick auf jene Rockkapelle werfen durfte, deren Mitglieder definitiv zu den begabtesten und innovativsten Musikern unserer Zeit zählen.
Den Song "Reflektor" erwählten Arcade Fire vor einigen Wochen, um ihn als Vorboten für das gleichnamige Album an ihre Anhänger zu entsenden. Der kleine Vorgeschmack führte dabei zu sehr unterschiedlichen Reaktionen. Hartgesottene Fans warf das elektrifizierte Stück teilweise gar völlig aus der Bahn. Was ist passiert? "Reflektor" ließ beim ersten Hören hier und da die Angst aufkommen, dass sich die Artrocker aus Montreal, nach Jahren der beherzten Reise entlang einzigartiger Soundlandschaften, nun final vielleicht doch jenem Horizont angenähert haben könnten, der zuvor schon einige andere Gruppen, man denke da beispielsweise an die Kings Of Leon oder das Punkespann Gossip, für immer verschlungen hat. Sollte es tatsächlich an der Zeit sein, dass auch Arcade Fire den Zenit ihres Independetdaseins ereicht hatten und nun der nicht umkehrbare Durchbruch hin zum Mainstream drohte? Nein! Denn wenn man sich genauer anschaut, wer die Band bei ihrer Experimentierfreude in Richtung Electronica unterstützte, dann kann man beruhigt aufatmen. James Murphy, das Gesicht hinter dem LCD Soundsystem, ist es nämlich, der Arcade Fire hier behutsam die Hände reicht. Murphy ist von jeher auch als erfolgreicher Produzent bekannt, der sich über die Licht- und Schattenseiten der elektronischen Genres sehr genau bewusst ist und schon erfolgreich als Wegbereiter für Rockerkollegen wie die Yeah Yeah Yeahs fungierte. Wenn sich dann zudem auch noch David Bowie auf ein Gastspiel bei "Reflektor" einlässt, dann sollte das auch dem letzten Zweifler den wütenden Wind aus den Segeln nehmen. Immerhin wollte das Rockurgestein den Song sogar ganz für sich beanspruchen, was Arcade Fire jedoch mit einem Lächeln abwinkten.
Was offeriert uns denn der Rest des Albums? Eine Menge! Die Ansammlung musikalischer Einflüsse ist auch auf dem 13 Stück starken Doppelalbum "Reflektor" an Vielfalt kaum zu übertreffen. Ganz wie man es von Arcade Fire gewohnt ist. Ertönt im Hintergrund von "We Exist" noch ein an Madonnas "Like A Virgin" erinnernder Eighties-Beat, beschwört der Nachfolger "Flashbulb Eyes" im nächsten Moment eher den Plastic Beach der ebenfalls von Murphy produzierten Gorillaz herauf.
Reflektor
Mit dem Charme des Inselstaat Haitis versehen, welcher nicht nur durch Régine einen festen Platz im Herzen der Band gefunden hat, tänzelt "Here Comes The Nightime" durch die Nacht, während "Here Comes The Nightime II" später auf mysteriöse Art und Weise den zweiten Teil von "Reflektor" eröffnen wird. Zuvor bildet "Normal Person" aber noch genüsslich die Atmosphäre eines kleinen Nachtclubs ab, bei dem der Whiskey über den Tresen fließt und der Rauch zahlreicher Zigarren durch heftige Vibrationen aus knarrenden Lautsprechern erschüttert wird. Ein Stimmengewirr untermalt die Szenerie und vor dem mentalen Auge sieht man die gefeierte Liveband Arcade Fire, die die Stimmung in dem urigen Etablisment zum Brodeln bringt. Das setzt sich, angefeuert von dem Ausruf "We have fabulous music from the fantastic Arcade Fire", dann auch bei "You Already Know", einem countryesken Stück voller Lebensfreude, fort, bis schließlich kurzzeitig der Punk erklingt. "Joan Of Arc" beendet gewaltig den Auftakt von "Reflektor". Es handelt sich dabei um eine dieser pathoslastigen Hymnen, die charakteristisch für Arcade Fire sind und ihnen jenen göttlichen Anstrich verleihen, als thronten sie völlig ungerührt über dem irdischen Geschehen. Vollgepackt mit feinsten, bewegenden Melodien geht es in die Verlängerung. Die zweite Hälfte von "Reflektor" bietet mit dem bereits erwähnten "Here Comes The Nightime II" und seinen Gefährten, ein grandioses Finale. Orpheus war es, der einst als Einziger die Macht besessen hatte, in die Unterwelt zu reisen und dort seine verschiedene Eurydike aus den Fängen des Todes zu entreißen. Die Wächter über das Leben waren derartig angerührt von den musikalischen Liebesbekundungen des Sängers und Dichters, dass sie ihm weitere Jahre mit seiner Angebeteten schenkten. Von jener rührenden Geschichte inspiriert, verzaubern "Awful Sounds (Oh Eurydice)" und "It's Never Over (Hey Orpheus)" den Hörer mit ihrem mythologischen, zarten Esprit. Entgegen seines provokanten und plakativen Titels hält auch der Track "Porno" eine unheimliche lyrische Tiefe bereit. Hinzu kommt eine infizierende Bassline, die sich um knisternde Percussions und wabbernde Synthiefetzen schlingt. Großartig! "Afterlife" und sein morbider Charme bereiten dann auf das sich langsam ankündigende Ende des 73minütigen Spektakels vor. In der Ferne verhallen die Gesänge und wieder ist da dieses weitschweifige Gemüt gegenwärtig, das Arcade Fire aus jedweden geltenden Gesetzten innerhalb der Musikbranche zu lösen vermag. Was sie anfassen wird zu purem Gold. Wir erleben eine Band, deren Einzigartigkeit ein echtes Phänomen zu sein scheint. Und wenn dann "Supersymmetry" in der Unendlichkeit verklingt, bleibt nur noch eine Frage zu klären: Wird dieser Feuerbogen jemals erlischen?